Offener Brief der Bayerischen Jungbauernschaft

8. Februar 2017 | 8:47 JT Organisationen/VerbändePolitikSPD

Logo ©: Bayerische Jungbauernschaft e.V.

Mit einem offenen Brief zu der Kampagne „neuen Bauernregeln“ wendet sich der Bayerischen Jungbauernschaft e.V. an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

Darin äußern die Landjugendlichen ihr Entsetzen über die neue Kampagne des BMUB. Mit den „neuen Bauernregeln“ hat die Diskussion über die Landwirtschaft einen neuen Tiefpunkt erreicht. Dass ein Bundesministerium die Landwirte und ihre Familien so behandelt, hätten sie nicht für möglich gehalten. Deshalb fordern sie die Ministerin in diesem offenen Brief zu einem sachlichen Dialog über Landwirtschaft auf.

Der offene Brief im Wortlaut:

Beginn offener Brief „

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Hendricks,
sehr geehrte Damen und Herren,

Überraschung – Entsetzen – Enttäuschung – das sind die Gefühle, die die neuen „Bauernregeln“ des BMUB bei uns Landjugendlichen auslösten, als wir sie sahen. Vielen tausend Landwirten und ihren Familien haben Sie eine schallende Ohrfeige verpasst. Ob gewollt oder nicht. Jeder dieser Reime fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht.

Sie und Ihr Ministerium beteuern in der entstandenen Diskussion immer wieder, dass dies nicht beabsichtigt sei, dass Sie nicht alle Landwirte diffamieren wollen, dass Sie nur zur Diskussion anregen möchten. Und das möchten wir wirklich gerne glauben. Aber wir können es nicht.

Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm passt?

Warum regen sich all die Landwirte, die nachhaltig und verantwortungsbewusst ge-genüber Mensch, Tier und Umwelt arbeiten, über die Bauernregeln so auf? Sie be-treffen sie ja nicht? Wir haben das Gefühl, dass wir keine Wahl haben, ob uns der Schuh passt und ob wir ihn anziehen wollen. Denn auch wenn wir das nicht wollen – das Gefühl, dass wir den Schuh schon längst am Fuß haben, bleibt.

Vor der Wahl der Politiker das Blaue vom Himmel verspricht,
nach der Wahl er jedes dieser Versprechen wieder bricht!

Vielleicht kommt es bei der Wertung „lustiger“ Reime darauf an, ob man davon be-troffen ist oder es als Außenstehender liest. Wir haben eine gute Meinung von Poli-tikern und Respekt vor ihrer Arbeit und wären nie auf die Idee gekommen, diesen Satz ohne weitere Erklärung auf Plakate zu drucken. Dennoch gibt es auch in der Politik schwarze Schafe – wie in der Landwirtschaft auch. Das will niemand bestrei-ten. Aber alle über einen Kamm scheren? Alle Landwirte, die sich an die zahlreichen und strengen gültigen Regelungen halten mit diesen einfachen Reimen angreifen? All die Landwirte, die im Rahmen von Umweltprogrammen Ihres Ministeriums und der EU aktiven Umweltschutz betreiben so vor den Kopf stoßen?

Auch wenn Sie sagen, dass es kein Angriff werden sollte – dies ist eine offene Atta-cke auf die Integrität eines ganzen Berufsstandes.

Jeder, der Ahnung von Landwirtschaft hat, weiß, dass die allermeisten Betriebe vor-bildlich geführt sind. Leider wird von den Medien seit Jahren oft ein anderes Bild geprägt. Wer keinen persönlichen Bezug zum Landwirt nebenan oder sich nicht mit der Thematik beschäftigt, kennt oft nur die negativen Schlagzeilen und Skandale. In 70 Städten deutschlandweit von einem Bundesministerium ausgehende Plakate mit diesen Botschaften richten immensen Schaden am Vertrauen in unsere heimi-sche Landwirtschaft an. Auch wenn die Kampagne mehr als nur diese Bauernregeln beinhaltet, werden wohl überwiegend diese in den Köpfen hängen bleiben und die weiteren Inhalte kaum gelesen.

Schade ist, dass mit den Landwirten so umgegangen wird. Bei kaum einer anderen Branche ist eine solche Kampagne vorstellbar. Oder wird das BMUB als nächstes folgende Reime auf Plakate drucken?

Die neue Abgasnorm dem Autobauer keinen Kummer macht,
dank neuer Schummelsoftware er nur darüber lacht!

Wohl kaum. Die Autoindustrie ist ein hochgeschätzter und wichtiger Wirtschafts-zweig. Das sehen auch wir so. Aber ist die Landwirtschaft das nicht auch? Haben wir es verdient, dass so über uns gesprochen und geschrieben wird? Wir finden nicht!

Mit großem ehrenamtlichem Aufwand setzt sich die Landjugend für ein realistisches Bild der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes in der Öffentlichkeit ein. All die engagierten Jugendlichen vom Land sind von der Kampagne geschockt. Wir sind junge und moderne Menschen mit Idealen und Ideen – wie die Jugendlichen in der Stadt auch. Wir sind weder dumm und wirtschaften nach Bauernregeln, noch rück-sichtlos, dass wir uns nicht um eine lebenswerte Umwelt sorgen würden! Dass die Kampagne uns so dastehen lässt, enttäuscht und kränkt uns. Sie tritt auch unser wertvolles ehrenamtliches Engagement mit Füßen.

Warum wir so emotional reagieren? Weil die Landwirtschaft, unsere Tiere und un-sere Pflanzen unser Lebensinhalt sind, für welchen wir uns bewusst entschieden haben. Weil wir und unsere Familien seit Generationen all unser Herzblut in eine verantwortungsvolle und nachhaltige Landwirtschaft stecken – jede Stunde an je-dem Tag im Jahr.

Wir würden nach wie vor gerne mit Ihnen sachlich über Landwirtschaft und Umwelt-schutz sprechen. Wir glauben noch immer, dass wir ähnliche Ziele haben und diese gemeinsam erreichen können. Gerne sind wir bereit Sie für ein sachliches und sinn-volles Gespräch in Berlin zu besuchen oder uns mit Ihnen zu einem Austausch auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zu treffen. Kein Interesse haben wir an einem Schlagabtausch in der Öffentlichkeit auf großen Plakattafeln, auf welchen wir uns gegenseitig schlecht machen.

Hängen Sie diese Plakate nicht auf, brechen Sie die Kampagne ab! Reden Sie mit uns statt über uns!

Wir sind jederzeit gerne zu einem Gespräch bereit. Sie auch?

Viele Grüße aus Bayern

Der Landesvorstand der Bayerischen Jungbauernschaft e.V.
In Vertretung seiner 18.000 Mitglieder

“ Ende offener Brief

 

  • Zur Bayerischen Jungbauernschaft:
    Die Bayerische Jungbauernschaft e.V. (BJB.) ist Mitglied im Bayerischen Jugendring und im Bund der Deutschen Landjugend. Sie vertritt rund 18.000 Mitglieder und setzt sich als aktiver Jugendverband für Lebens- und Bleibeperspektiven junger Menschen in den ländlichen Räumen Bayerns ein. Mit unserer ehrenamtlichen außerschulischen Jugendarbeit tragen wir einen wichtigen Teil dazu bei.
  • https://www.landjugend.bayern/

Quelle: Bayerischen Jungbauernschaft e.V., 08.02.2017

2 Antworten zu “Offener Brief der Bayerischen Jungbauernschaft”

  • Martin Otters sagt:

    Sehr geehrter Herr Debus,
    welchen Beruf üben Sie aus? Wie verhalten Sie sich als Verbraucher?Jeder Branche gibt es immer noch etwas zu verbessern. Es geht hier um die Art und Weise. Auch wenn die Plakate inhaltlich richtig wären, suggerieren sie doch, dass die Mehrheit des Berufsstandes rückständig und umweltschädigend handeln würde.

    Herr Verbraucher möcht ein Bioschwein, nur billig muss es trotzdem sein. Ist das Essen teuer, findet es man ungeheuer….

    Mit derartigen Kampagnen lenken Politiker gerne von Dingen ab, die sie nicht auf die Kette bekommen, wie z. B. die fehlende Harmonisierung von Umweltstandards und damit einhergehende Wettbewerbsverzerrung. Ein weiteres Beispiel ist die uneinheitliche Besteuerung innerhalb der EU.

  • Wolfgang Debus sagt:

    Antwort an die Kritiker auf:
    Die elf Motive der umstrittenen Kampagne für eine umweltverträgliche Landwirtschaft, für die das Bundesumweltministerium 1,6 Millionen Euro ausgegeben hat:

    „1. Bauernregel: Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“
    „2. Bauernregel: Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.“
    „3. Bauernregel: Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, (dann in die Niere) dann ins Geld.“
    „4. Bauernregel: Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.“
    „5. Bauernregel: Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.“
    „6. Bauernregel: Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.“
    „7. Bauernregel:  Steh’n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe.“
    „8. Bauernregel: Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhun richtig hart.“
    „9. Bauernregel: Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.“
    „10. Bauernregel: Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.“
    „11. Bauernregel: Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.“
    Klar! Mir würde das auch gehörig gegen den Strich gehen, wenn ich mein Geld in der konventionellen Landwirtschaft verdienen müsste.
    Muss ich – Gott sei gedankt! – nicht. Und ich muss auch als Verbraucher mit meinem Geld nicht eine Landwirtschaft unterstützen, die – trotz besseren Wissens – immer noch keine für Mensch und Umwelt verträgliche Produktion fertigbringt.
    Welche der oberen Regeln stimmt nicht?
    Ich erbitte auf diese Frage eine fachliche Antwort. Ich bin kein Fachmann.
    Aber ich höre immer nur Geschrei und Aufregung, Rücktrittsforderungen und Beschimpfungen. Wo bleiben die Gegenargumente, sachlich und informativ?
    Was ich mitbekomme, ist: Umweltministerium und Umweltbundesamt haben gute Recherchen und gute Gründe, nicht nur dem Landwirtschaftsminister sondern auch dem Verkehrsminister eine Kehrtwende in ihrer Politik abzuverlangen.
    Aber Minister Dobrindt und Schmidt reiten auf halbtoten Gäulen, auf Wirtschafts-prinzipien von vorgestern herum, die sich nicht um die Lebensqualität kümmern.
    Für sie gilt immer noch die Gleichung: Wohlstand = Wachstum.
    Und unter „Wachstum“ wird hier nicht etwa gesundes Pflanzenwachstum oder ein für Alle gesunder Verkehrsorganismus verstanden.
    Wachstum bedeutet für einen (zu) großen Teil der Politiker immer noch: Wachstum des Bruttosozialproduktes. Bedeutet: freie Marktexpansion, ungebremstes Industriewachstum und freies Transportwesen.
    Das hat aber schon lange nichts mehr mit Erhaltung oder gar Verbesserung von Lebensqualität zu tun.
    Diese Haltung in praktisches Handeln umgesetzt, bedeutet: Wir bauen das industrielle Wachstum und das damit zusammenhängende Transportwesen aus, soweit uns technische Möglichkeiten und Legalität dafür gegeben ist. Wo die legalen Grundlagen dafür nicht ausreichend sind, schaffen wir sie über politischen Einfluss und über politische Macht.
    Konventionelle Landwirtschaft ist heute Agrar-Industrie, die in weiten Bereichen die Regeln der Natur außer Acht lässt oder mit technischen Mitteln zu ersetzen versucht. Dabei entstehen nicht wieder gut zu machende Schäden an Böden, Grundwasser, und weiterer Umwelt – und nicht zuletzt an der menschlichen Gesundheit.
    Vielfach wird die Legalität der Mittel übergangen, und man hofft, damit nicht aufzufallen. Oder man findet sich unter Gleichgesinnten wieder, in deren Vereinigung man sicherer vor Strafen ist. (siehe Abgasskandal, siehe TÜV, Megaställe u.v.m.)
    Maßgebend für das eigene Verhalten sind nicht ethisch-moralische Grundwerte sondern einzig und allein die Kalkulation Gewinn gegen Einsatz und persönliches Risiko.
    Die Ergebnisse sind vielfältig und bedeuten in ihrer Gesamtwirkung einen Rückbau an Lebensqualität, an Chancengleichheit, an Umweltverträglichkeit, an sozialer Gerechtigkeit. Für 98% der Menschen.
    Sie bewirken nicht nur die immer tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich im eigenen Land. Unser materieller Reichtum ist nur möglich durch eine ungebremste Industrie, die ohne Rücksicht Menschen und Ressourcen überall dort ausbeutet, wo es auf der Welt möglich ist. Versklavte Arbeitskräfte, niedrige Umweltstandards, mangelnde Kontrollen werden ausgenutzt, um einer reichen Oberschicht maximalen Gewinn einzufahren. Billige Transportmöglichkeiten – ob auf der Straße, der Schiene, zu Wasser oder in der Luft – erweitern die finanziellen Gewinnmöglichkeiten beträchtlich.
    Und nicht zuletzt stellen sich Waffenproduktionen und -Geschäfte für das selbe Ziel zur Verfügung. Kriege werden vor allem ausgelöst, um Ressourcen zu sichern.
    Alles das wissen wir seit einigen Jahrzehnten. Wir wissen, dass wir um unserer ungebremsten Gier willen die Lebensgrundlagen nachfolgender Generationen verspielen.
    Wir wissen, dass alles das, was das Umweltministerium in den „Bauernregeln“ anmahnt, traurige Tatsachen sind. Die lautstarke plakative Kritik beweist das Unrecht der Täter.
    Und es ist nicht nur richtig und mutig, es ist dringend notwendig, dieses der Öffentlichkeit vor Augen zu führen.
    Danke für diese Notbremse und das Anstoßen eines längst fälligen Aufwachens!
    Danke, Umweltministerin Barbara Hendricks, Dank an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dafür zahle ich gerne meine 2 Ct. Beitrag!
    Lasst uns weitere Verse reimen!
    Bauernregel 12: „Lässt du Monsanto in dein Land, landet bald all dein Geld in Monsantos Hand!“ oder „Willst du selber mal das Sklavenleben schmecken, brauchst du nur bei Bayer oder Monsanto einchecken!“
    Wolfgang Debus, Lensahn debuswolfgang@arcor.de 8.2. 2017


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